„DIE GESAMTQUALITÄT DES CONTENTS IST WIE EINE VISITENKARTE“

Interview mit Robb Blumenreder, Commercial Manager – Audio for Video, und Tobias von Allwörden, Head of Portfolio Management – Audio for Video bei Sennheiser

Robb Blumenreder, ‚Audio for Video‘-Spezialist und Commercial Manager Pro Audio bei Sennheiser, Bild: Sennheiser

Herr Blumenreder, wie definieren Sie Audio for Video? Wo würden Sie die Grenze zu professionellen Anwendern ziehen?
RB: „Das ist eine wirklich interessante Frage, weil viele annehmen, dass sich diese Bereiche über Produkte definieren. Tatsächlich aber differenzieren wir danach, welche Gründe den Anwender zur Technik bringen. Content Creators, die Mikrofontechnik für ihre Kamera nutzen, arbeiten generell eigenfinanziert, sie investieren in Technik, um die Qualität der Inhalte aufzuwerten, die sie mit ihrer Community teilen. Man kann also sagen, dass ihr Hobby, ihre Leidenschaft sie zur Technik bringt und sie neue Möglichkeiten erkunden lässt. Für professionelle Broadcaster hingegen ist Technik einfach ein Teil des Berufs, ein Muss.”

Wird Audio Ihrer Erfahrung nach immer noch unterschätzt?
RB: „Natürlich kann man die Bedeutung von hochwertigem Ton unterschätzen, aber wenn man schaut, was für das Engagement wichtig ist, dann steht Audioqualität ganz oben. Das eingebaute Mikrofon in der Kamera oder im Smartphone ist einfach nicht gut genug, wenn sich Follower wirklich in den Content eingebunden fühlen sollen. Wenn man erst einmal einen Blick hinter die Kulissen wirft, entdeckt man, dass aus Content so viel mehr werden kann, wenn Audio als wichtiger Teil der Erfahrung betrachtet wird.

Als Mensch tendieren wir eher zum Visuellen, Audio ist oft „einfach da“. Allerdings gibt es so etwas wie eine „Schwellenqualität“, die mindestens erreicht werden muss, um die Zuschauer zu involvieren – kurz gesagt müssen Content Creators dafür sorgen, dass der Ton zum Gesamterlebnis beiträgt und nicht davon ablenkt. Man muss sich fragen: ‚Spiegelt der Ton all die Mühe und Leidenschaft wider, die ich in das Thema gesteckt habe?‘“

Tobias von Allwörden, Head of Portfolio Management – Audio for Video bei Sennheiser. Bild: Sennheiser

Herr von Allwörden, Richardson et al. haben in einer Studie nachgewiesen, dass die Teilnehmer stärkere physiologische Reaktionen bei rein auditiver Rezeption zeigten, obwohl sie von sich selbst sagten, dass Videos sie stärker involvieren als reines Audiomaterial. Die Forscher interpretieren diese Ergebnisse als physiologischen Beweis, dass gehörte Geschichten Menschen kognitiv und emotional mehr beteiligen.
TvA: „Vielleicht sind wir ja doch nicht so Augen-gesteuert, wie wir immer denken! Der Hörsinn ist der erste Sinn, der sich entwickelt; das Gehör ist immer aktiv, man kann es nicht abschalten. Hören ist zudem der schnellste der fünf Sinne. Auditive Informationen sind fast immer auch ‚Emotionsträger‘: zum Beispiel die Musik in einem Horrorfilm oder die Art und Weise, wie man etwas sagt, freundlich oder ärgerlich… Das Hören löst zudem unzählige unterbewusste Erinnerungen aus, und all das in Sekundenbruchteilen. Um all diese feinen Nuancen in einem Video wiedergeben zu können, muss die Audioqualität hoch sein. Und wie Robb gerade gesagt hat: Die Gesamtqualität des Contents ist wie eine Visitenkarte. Ist die Audioqualität schlecht, so wirkt sich das nachteilig auf den Content, das Storytelling und den Gesamteindruck aus.“

Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Audiofehler bei Aufnahmen?
RB: „Hier würde ich zuerst – egal, ob bei Außen- oder Innenaufnahmen – die Platzierung des Mikrofons nennen. Man weiß generell schon, wie man die Kamera postieren sollte, um alles Wichtige im Bild zu haben und wie man einen guten Bildausschnitt wählt. Die richtige Platzierung des Mikrofons ist allerdings genauso wichtig, um den Ton optimal aufzunehmen.

Zweitens sollte man für eine geeignete Umgebung sorgen, damit das Mikrofon seine Aufgabe erledigen kann. Content wird nun mal leider nicht in schalldichten Kabinen mit perfekten akustischen Verhältnissen kreiert – das wäre als Location auch nicht wirklich spannend! Deshalb ist es wichtig zu lernen, wie man die Mikrofonkapsel vor Explosivlauten, Poppgeräuschen, Trittschall und Windgeräuschen schützt.“

Was ist mit dem leidigen Thema Gain?
RB: „Dazu wollte ich gerade kommen: Man ist leicht verführt zu denken, dass ein Mikrofon ein Plug-and-Play-Gerät ist, doch man muss sich wirklich Zeit für die Audioeinstellungen an der Kamera oder am Recorder nehmen. Die Zeit, die man hier investiert, zahlt sich aus: Man wird das Potential der Audiogeräte voll ausschöpfen können. Das Thema Gain beim Mikrofon ist vielleicht leichter zu verstehen, wenn man einen Kameravergleich bemüht: Wenn der Ton zu laut ist und übersteuert, ist es so, als wäre die Blende der Kamera zu weit geöffnet. Damit das Bild nicht überbelichtet wird, darf nicht so viel Licht in die Kamera gelangen. Das gleiche passiert beim Übersteuern des Tons: Es darf nicht so viel Lautstärke in die Kamera gelangen, deswegen muss der Gain in den Audioeinstellungen der Kamera abgesenkt werden.“

Was können Content Creators tun, um diese Fehler zu vermeiden?
TvA: „Für die Platzierung des Mikrofons gibt es eine einfache Daumenregel: Nahe an die Tonquelle gehen. Damit wählt man automatisch auch je nach Einsatz andere Mikrofontypen. Aber es gibt natürlich auch gute Allrounder, zum Beispiel das MKE 440. Dieses DSLR-/DSLM-Mikrofon ist für einen Großteil der üblichen Einsatzszenarien im Bereich Content Creation gut geeignet. Durch die spezielle Bauform nimmt das MKE 440 hauptsächlich aus der Filmrichtung auf und fügt dem Ganzen einen angenehmen Anteil an Umgebungsschall zu. Zudem bietet es den Vorteil, Stereoton aufzunehmen.

Wenn man draußen filmt, sollte man immer einen zusätzlichen Fellwindschutz gegen Windgeräusche verwenden. Diese gibt es in den unterschiedlichsten Größen – für winzige Ansteckmikrofone bis hin zu langen Richtrohrmikrofonen, wo sie zusammen mit einem Windschutzkorb verwendet werden. Die meisten Mikrofone für Videofilmer, wie das MKE 600 oder das MKE 440, haben außerdem zuschaltbare Filter, den so genannten Low-Cut, mit denen man niederfrequenten Lärm wie Windgeräusche oder Handhabungsgeräusche reduzieren kann. Aber ein Fellwindschutz ist ein Muss.

Das Stereomikrofon MKE 440 fokussiert sich auf den Sound in Filmrichtung und fängt einen angenehmen Anteil an Umgebungsschall ein. Bild: Sennheiser

Wer mit einem größeren Bildausschnitt aus größerer Entfernung einen Sprecher filmt, sollte entweder zu einem Richtrohrmikrofon greifen oder sich für ein drahtloses Mikrofon entscheiden und den Sprecher mit einem Ansteck- oder einem Headset-Mikrofon abnehmen. Auch hier muss wieder die richtige Platzierung des Mikrofons beachtet werden, besonders beim Ansteckmikrofon. Die Kleidung darf nicht am Mikrofon reiben, und man sollte einen Abstand von ungefähr 20 cm vom Mund einhalten. Eine Kugelcharakteristik ist sicherlich die beste Wahl, denn sie unterdrückt Windgeräusche besser; außerdem führen Kopfbewegungen des Redners nicht zu Lautstärkeschwankungen.

Gain oder Empfindlichkeit ist wirklich ein neuralgischer Punkt, ganz gleich ob man Profi ist oder Hobbyaufnahmen macht. Einfach gesagt muss man den richtigen Lautstärkepegel für das Video finden, und der ist abhängig vom Mikrofon, von der Kamera und auch vom Sprecher! Wenn man Content mit jemandem kreiert, der sehr laut spricht, muss die Empfindlichkeit reduziert, umgekehrt bei leisen Stimmen erhöht werden. Von entscheidender Wichtigkeit sind die Audioeinstellungen an der Kamera oder am Aufnahmegerät: Das Mikrofon muss an die Kamera angepasst werden, bevor man sich überhaupt Sorgen über die Sprechlautstärke des Interviewpartners machen kann. Es gibt aber auch Mikrofonsysteme, wie unser AVX, die diesen zweiten Schritt überflüssig machen: Sobald das System einmal an die Kamera angepasst wurde, wählt es automatisch die richtige Empfindlichkeit für den Sprechenden.“

Das MKE 600 ist ein kompaktes Richtrohrmikrofon. Bild: Sennheiser

Eine Studie der University of Southern California und der Australian National University hat ergeben, dass Audioqualität einen großen Einfluss darauf hat, ob Menschen dem Gehörten Glauben schenken – und ob sie der Informationsquelle vertrauen .
RB: „Diese Ergebnisse kann ich voll und ganz unterstützen. Die Audioqualität ist direkt mit der Aufmerksamkeitsspanne gekoppelt, besonders, wenn Audio für sich allein steht, also kein Video und keine Grafik dabei sind. Dazu ein einfaches Beispiel: Wenn man einen Anruf von einer unbekannten Telefonnummer bekommt, ist der erste Moment entscheidend. Ist die Audioqualität gut und die Stimme des Anrufers nett, hört man zumindest einen Moment zu, um dann zu entscheiden, ob man auflegt oder weiter zuhört. Wenn man allerdings den Anruf annimmt und Hintergrundgeräusche stören, die Audioqualität schlecht ist oder der Ton immer wieder Aussetzer hat, ist man sofort desinteressiert. Die Audioqualität wird direkt mit Glaubwürdigkeit in Beziehung gesetzt. So ist es auch bei Videos: Ist der Ton gestört, geht man zum nächsten Video, zum nächsten Content Creator über.“

Sehen Sie eine Tendenz hin zu professionellerem Equipment bei Videofilmern und Content Creators?
RB: „Mehr und mehr Leute erstellen Content und berichten über ihr Thema, und wir stellen fest, dass auch Richtrohrmikrofone beliebter werden. Sie werden als Kameramikrofon eingesetzt, an Smartphone Rigs oder für Vertonungen. Je nachdem was man braucht, wird man sich für einen bestimmten Mikrofontyp entscheiden – aber zu wissen, dass man mit einem Mikrofon und verschiedenem Anschlusszubehör unterschiedliche Plattformen bedienen kann ist ein großes Plus.

TvA: „Der Vorteil unseres Portfolios liegt zudem in seiner Vielfalt. Ob das drahtlose Memory Mic fürs Smartphone, Kameramikrofone für DSLRs und DSLMs oder professionelle Richtrohrmikrofone: Die unterschiedlichsten Plattformen und Einsatzzwecke können mit gutem Sennheiser-Sound bedient werden.“

Quelle: Sennheiser

Kategorien: Economics